Anlaufstellen unterstützen das Wohnen und Leben im Alter

©Färber/DV
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Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben. Damit dies trotz körperlicher Einschränkungen und Pflegebedarf möglich ist, braucht es mehr als altersgerechte Wohnungen. Die medizinische und Nahversorgung ist nur ein Aspekt. Für viele Ältere stehen vor allem Fragen der Sicherheit und die Angst vor Vereinsamung im Vordergrund. Abhilfe schaffen z. B neue Wohnmodelle, Hilfen im Haushalt, Freizeitangebote sowie Begleit- und Fahrdienste. Auch die Entlastung pflegender Angehörige, Gemeinschaftseinrichtungen „in Pantoffelnähe“ sorgen dafür, dass „Wohnen im Alter“ nicht nur für Pflege und Grundversorgung steht, sondern für gesellschaftliche Teilhabe und soziales Miteinander.

Wie das gelingen kann, haben mehr als 20 Projektumsetzer im Rahmen des Bundesprogramms „Anlaufstellen für ältere Menschen“ am 15.Oktober 2014 in Hannover diskutiert. Im Mittelpunkt des dritten Werkstattgespräches stand die Frage, was der vielschichtige Begriff „Versorgungssicherheit“ bedeutet und welche Beitrag Anlaufstellen leisten können. Dazu hatte das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung eingeladen.

Versorgung vor Ort gemeinsam ermöglichen

Einleitend verdeutlicht Dr. Andrea Töllner von der Bundesvereinigung FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V., wie wichtig Hilfe-Mix-Modelle sind. Sie unterstützen den Wunsch älterer Menschen nach einem selbstbestimmten Leben im vertrauten Umfeld. „Kommunen, Wohnungs- und Pflegewirtschaft sowie bürgerschaftlich Engagierte werden dafür als Partner benötigt“, so Töllner. Mit Hilfe von Quartierszentren, Stadtteilnetzwerken, Beratungsstellen, Begleitdiensten oder Nachbarschaftsinitiativen lassen sich die notwendigen Versorgungsstrukturen etablieren. Neue Wohn- und Pflegeformen, wie gemeinschaftliche Wohnprojekte und ambulant betreute Wohngruppen, seien ebenfalls unverzichtbar, wenn es um die Organisation des Wohnens für Ältere geht. Auch wenn diese nicht unbedingt günstiger als stationäre Einrichtungen sind, überzeugen sie durch „weiche“ Faktoren, wie Atmosphäre und starkes Engagement.

Professionelle Netzwerke mit Ehrenamtlichen ergänzen

Anschließend berichten drei Projektakteure über die Vielzahl von Angeboten, die älteren Menschen in der Stadt, im Quartier oder auf dem Land ihren Wunsch nach einem selbstständigen Leben ermöglichen. Der Landkreis Verden setzt dabei auf einen Bürger-Kommune-Profi-Mix; das Zusammenwirken von professionellen und ehrenamtlichen Leistungen. „Zusätzlich zu Kreishandwerkerschaft, Architekten, Kreisbaugesellschaft, ambulanten Diensten und Pflegekassen sollen nun die Freiwilligenagenturen mit ins Boot geholt werden. So erweitern die Ehrenamtlichen das Netzwerk und können bereits existierende Beratungsangebote miteinander verknüpfen“, erklärt Dagmar Schüler, Landkreis Verden. Allerdings müssen diese professionell begleitet werden. Die Kommune übernimmt dabei eine steuernde Funktion. Ziel ist es, ein mobiles Beraterteam aufzubauen, das älteren Menschen z.B. beim Formularausfüllen hilft oder zu einer besseren Wohnsituation berät. Dafür sollen Ehrenamtliche (weiter)qualifiziert werden. „Das braucht Räume, die gut erreichbar sind, wie z. B. Gemeinschaftsräume von Wohnprojekten“, betont Schüler.

Versorgung im ländlichen Raum gewährleisten

Das „Seniorenzentrum Schaukelstuhl“ in Schneverdingen bietet professionelle Krankenpflege sowie Beratungs- und Betreuungsangebote an. „Der Bedarf älterer Menschen ist oftmals größer als die typische halbe Stunde Grundpflege“, so die Geschäftsführerin Ulrike Röhrs. In Zusammenarbeit mit Krankenkassen, Kommune, Sport- und Kulturvereinen sowie dem Mehrgenerationenhaus gibt es im „Schaukelstuhl“ Tagespflege, Samstagbetreuung, Bewegungsrunden, einen MS-Stammtisch oder Gedächtnistraining. Die Angebote helfen nicht nur Seniorinnen und Senioren, sondern entlasten auch pflegende Angehörige. „Für die Zukunft wäre mehr Toleranz zwischen den örtlichen Pflegeeinrichtungen wünschenswert. Das teils vorhandene Konkurrenzdenken verhindert das Entstehen von Angeboten für ältere Menschen“, gibt Röhrs zu bedenken. Denn ohne Absprachen zwischen den Institutionen können Angebote nicht koordiniert werden. Es kommt zu Dopplungen und andere Bereiche hingegen werden gar nicht abgedeckt. Wichtig ist auch, dass ältere Menschen die Angebote gut erreichen können. Direkt vor dem Seniorenzentrum befindet sich eine Haltestelle des ehrenamtlich betriebenen Bürgerbusses.

 

Schlüsselpersonen erleichtern Kontaktaufnahme

Im ländlichen Raum werden mobile und aufsuchende Dienste immer wichtiger. Die Region Hannover baut daher in Pattensen für geschulte Ehrenamtliche eine professionelle Begleitung auf. „Ältere Menschen werden durch Leute von vor Ort besser erreicht“, erklärt Simone Junggebauer von der Region Hannover. Kooperationspartner sind z.B. Sozial- und Wohlfahrtsverbände, ein Mehrgenerationenhaus und Physiotherapeuten. „Wichtig ist, dass die Akteure in Pattensen über das Projekt Bescheid wissen. Nur so werden verlässliche Strukturen für Seniorinnen und Senioren geschaffen“, betont Junggebauer. Daher werben Ehrenamtliche auch in Pattensen für das Projekt, z. B. bei der Post oder beim Friseur. Zudem wird das Vorhaben durch die Hochschule Hannover wissenschaftlich begleitet. So könnte der Ansatz bald in die gesamte Region ausstrahlen.

 

Anlaufstellen wirken vielschichtig

Bei der Arbeit in Kleingruppen wurde nochmals deutlich: Versorgungssicherheit hat viele Dimensionen; z.B. Wohnen und Wohnumfeld, Teilhabe, Nahversorgung, Erreichbarkeit, Gesundheit, Information, Pflege und Betreuung. Im ländlichen Raum ist es schwieriger als in der Stadt auch im hohen Alter und mit zunehmendem Hilfe- und Unterstützungsbedarf zu Hause wohnen zu bleiben. Scham und Hemmschwellen müssen abgebaut werden. Notwendig sind daher aufsuchende und mobile Angebote, sozialraumorientierte Netzwerke und gemeinschaftlich Aktivitäten, die das Miteinander befördern und Lebensqualität sichern.

Genau hier setzen Anlaufstellen an. Sie unterstützen die kommunale Altenhilfe und übernehmen eine wichtige Funktion für die Versorgungssicherheit. Mit ihnen entstehen in Stadt und Land „Möglichkeitsräume“. Sie klären, was vor Ort gebraucht wird, koordinieren alle verfügbaren Informationen und Angebote und vernetzen die verschiedenen Personen. Konkurrenzen werden ausgeglichen und moderiert, so dass Angebote im Miteinander entstehen.

Anlaufstellen stellen den Kontakt zu schwer erreichbaren älteren Menschen her. Dadurch, dass sie Seniorinnen und Senioren in ein Netz aus Versorgungs-, Pflege- und Gemeinschaftsangeboten einbinden, wirken sie auch präventiv: Zum einen sind ältere Menschen mit dieser Unterstützung länger in der Lage, selbständig zu Hause zu leben. Zum anderen können sie im Ernstfall mit unverzüglicher Hilfe rechnen.

Bildnachweise von links oben nach rechts unten:
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